Wie mir Alkohol in schwierigen Zeiten geholfen hat

Erzählt von Jeschua ben Josef

Nachdruck aus Erbrechet!, November 2009 – März 2010

Mehr als einmal in meinem Leben hätte mich die Einsamkeit überwältigen können. Als ich 22 Jahre alt war, starb eine meiner Schwestern und drei Jahre später mein Vater. Fünf Jahre nach dem Tod meines Vaters erhielt ich die schlimme Nachricht, dass ich ein Prophet Gottes werden sollte.

Ich heiße zwar Jeschua, was „Jehova ist Rettung“ bedeutet, doch in den schlimmsten Stunden meines Lebens war nicht er es, der mir beistand. Niemals spürte ich, wie Jehova sozusagen meine Hand nahm. Wie konnte ich die schwierigen Zeiten dann durchstehen?

Ich wurde am 12. Ethanim im 30. Jahr des Cäsar Augustus in Bethlehem geboren und war das erste Kind meiner Eltern Joseph ben Jakob und Mariam bat Heli. Genaugenommen war mein Vater der Weinhändler Zadok ben Eljakim, aber meine Mutter vertuschte diese Beziehung und gab dem Heiligen Geist die Schuld an meiner Geburt. Sie war bei ihrer Hochzeit schon schwanger gewesen.

Meine Mutter hatte viele Fragen über Gott, die ihr aber niemand in der Synagoge zufriedenstellend beantworten konnte. Als ich zwölf Jahre alt war, besuchten wir die Pharisäer im Tempel, die uns auf alle Fragen eine Antwort in der Thora zeigten. Mutter nahm gern das Angebot eines Priesters an, auf mich aufzupassen, während seine Kollegen ihr das Gesetz erklärten. So lernte sie kennen, was die Thora wirklich lehrt.

Schon nach kurzer Zeit gab sie ihre Arbeit als Kellnerin in der Dorfschänke auf, um mehr Zeit für das Studium der Thora zu haben. Ein paar Jahre später entschloss sich auch Vater zu diesem Schritt, der bis dahin auf dem Bau gearbeitet hatte. Eliana, die meiner Mutter half, die Thora besser zu verstehen, bemerkte schnell, wie sehr auch ich mich dafür interessierte. Ich war zwar noch recht jung, doch Eliana meinte, es wäre gut, wenn man mit mir ebenfalls die Thora besprechen würde. Dank ihrer Hilfe und der Unterstützung meiner Mutter konnte ich mich im Alter von 30 Jahren taufen lassen.

Während Bruder Johannes die Taufansprache hielt, zog plötzlich ein Gewitter auf. Kurz nachdem ich aus dem Wasser heraufkam, donnerte es zum ersten Mal, wodurch einige Tauben aufgeschreckt wurden. Einige der Dabeistehenden deuteten den Donner als Stimme Gottes und erklärten mir, ich sei ein Auserwählter und müsse ein Leben als Prophet führen. Ich versuchte, ihnen zu erklären, dass das nur ein normales Gewitter war, aber es war zwecklos.

image_thumb[1]Eigentlich wollte ich kurz nach meiner Taufe heiraten. Ich konnte mich nur nicht zwischen Martha und ihrer Schwester Maria entscheiden. Im Grunde verstand ich mich mit Maria besser, aber Martha konnte besser kochen. Und dann war da noch Maria Magdalene, die mir gezeigt hatte, wie man dem ersten Gebot aus dem Tanach (das in heutigen Bibeln in 1. Mose 1:28 zu finden ist) nachkommen kann.

Jedenfalls konnte ich mir die Heirat nun aus dem Kopf schlagen, denn als Prophet musste ich unverheiratet bleiben. Irgendsoein Rabbi hatte sich mal ausgedacht, es wäre für Propheten besser, „keine Frau zu berühren“. Meine Freunde hatten allerdings schon einige Alkoholvorräte für meinen Junggesellenabschied angelegt; da dieser nun ins Wasser fallen würde, feierten wir stattdessen meine Einsetzung als Prophet. Nach einigen Krügen Wein ‚begannen wir uns wie Propheten zu benehmen‘ und gerieten in Trance (vergleiche 1. Samuel 19:21). An den weiteren Verlauf des Abends kann ich mich nicht mehr erinnern.

Irgendwann am nächsten Morgen – oder besser Mittag – wachte ich irgendwo in der Wildnis auf. Die Sonne brannte vom Himmel, und weit und breit war kein Mensch zu sehen, nicht mal ein verirrtes Schaf. Ich weiß bis heute nicht, wie ich dorthin gekommen war.

Ich machte mich also auf die Suche nach dem Heimweg. Auf einmal musste ich husten, woraufhin einer der zahlreichen ausgetrockneten Dornbüsche in Brand geriet. Wenigstens fand ich ab und zu einen verlassenen Brunnen, aus dem ich ein wenig Wasser trinken konnte.

Es dauerte fast vierzig Tage, bis ich schließlich nach Hause fand. Unterwegs traf ich noch auf einen dubiosen Händler, der mir Steine als Brot verkaufen wollte. Er erklärte mir sogar, er sei so arm, dass er sich von der Zinne des Tempels stürzen müsse, wenn ich ihm kein „Brot“ abkaufe. Glücklicherweise durchschaute ich seinen Trick, und außerdem hätte ich sowieso kein Geld dabei gehabt.

Zu Hause angekommen, hatte ich nicht viel Zeit zum Ausruhen. Schon am nächsten Tag waren meine Mutter und ich in Kana zu einem Hochzeitsfest eingeladen. Da ich keine Zeit mehr hatte, ein angemessenes Gastgeschenk zu besorgen, beschloss ich, den übriggebliebenen Wein von meiner Prophetenfeier als Geschenk mitzunehmen.

Da meine Mutter ein wenig trödelte und dann auch noch der Esel nicht anspringen wollte, kamen wir etwas zu spät. Kurz zuvor war dem Brautpaar der Wein ausgegangen, weil die Gäste wegen des heißen Wetters mehr getrunken hatten als üblich. Mein Geschenk kam daher mehr als gelegen und rettete die beiden aus einer misslichen Lage. Mit zu geringem Alkoholspiegel hätte die Hochzeitsnacht nämlich zu einer Enttäuschung für das Brautpaar werden können, aber dank des von mir mitgebrachten Weins konnten sie sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern.

Auf dem Weg von Kana nach Hause gingen wir über Jerusalem, um im Tempelbasar ein paar Prophetenutensilien für mich zu kaufen. Da ich von der Hochzeitsfeier noch nicht ganz ausgenüchtert war, stieß ich versehentlich einen Tisch um, und ein Taubenkäfig fiel auf den Boden. Um den Schaden nicht bezahlen zu müssen, stellte ich dieses Ereignis als eine Prophezeiung dar und konnte mich aus dem Staub machen, während die Pharisäer und Sadduzäer sich über die Bedeutung meiner Worte stritten.

Inzwischen hatte auch Lazarus, der Bruder von Martha und Maria, von meiner Ernennung zum Propheten gehört. Die beiden redseligen Frauen gingen ihm schon lange auf die Nerven, und er hatte sich seit Jahren auf den Tag gefreut, an dem er wenigstens eine von beiden mit mir verheiraten würde. Schockiert von der Nachricht, bekam er einen Nervenzusammenbruch und zog sich in eine einsame Höhle zurück, weil er das ununterbrochene Geschnatter seiner Schwestern nicht länger ertragen wollte.

Als diese merken, dass er nicht zum Mittagessen gekommen war, machten sie sich Sorgen, denn das Essen hatte Lazarus noch nie ausgelassen. Sie hatten keine andere Erklärung für Lazarus‘ Fernbleiben als dass er gestorben sei. Sie gaben mir die Schuld an Lazarus‘ Tod und schickten einen Boten zu mir, damit ich erfuhr, was ich angerichtet hatte.

Ich kannte jedoch die Höhle, in der sich Lazarus schon als Jugendlicher oft versteckt hatte, wenn er etwas ausgefressen hatte. Ich ging direkt dorthin und fand Lazarus, wie er in der Höhle saß und die Ruhe genoss. Lazarus schickte mich aber fort und sagte, er wolle lieber in der Höhle sterben, als zu seinen Schwestern zurückzukehren. Ich verließ die Höhle, ließ mich aber nicht beirrten und rief Lazarus zu: „Lazarus, komm heraus! Ich werde deine Schwestern auf meine Predigtreisen mitnehmen!“ Sogleich kam Lazarus heraus und war einverstanden, zu seinem Haus zurückzukehren.

Bevor ich ans Prophezeien ging, unternahm ich mit einigen Freunden erst einmal eine Wanderung nach Samaria. An einem Brunnen traf ich eine wunderschöne Frau mit langen blonden Haaren, die mich an meiner Kleidung sogleich als Propheten erkannte. Ich erkundigte mich nach ihrem Mann, worauf sie mir antwortete, dass sie Single sei. Ich konnte sie gerade noch nach ihrer Adresse fragen, da kamen meine Freunde vom Einkaufen zurück. Sie wollten etwas zum Essen zubereiten, aber ich sagte zu ihnen: „Ich habe eine Speise zu essen, die ihr nicht kennt“ und ging ins Dorf.

Nach unserer Rückkehr aus Samaria wollten meine Freunde fischen gehen, aber ich war zu müde und ging ins Bett. Am nächsten Morgen war ihnen die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, denn sie hatten die ganze Nacht so gut wie nichts gefangen. Zum Glück hatte ich gerade im Kapernaumer Anzeiger gelesen, dass in der Nacht am Westufer des Sees ein Fischtransporter verunglückt war und seine Ladung verloren hatte. Ich führte meine Freunde zu der Stelle, und wir machten einen reichen Fang. Ich sagte ihnen aber nicht, woher ich meine Informationen hatte. Das führte dazu, dass sie mich nun endgültig als Propheten anerkannten und begannen, mich als „Herr“ oder „Meister“ anzureden. Außerdem bestanden sie darauf, dass ich sie als „Jünger“ bezeichnen würde.

Wenige Tage später erhielt ich einen Brief von der Steuerverwaltung. Der Finanzbeamte Matthäus Levi hatte gehört, dass ich schon seit mehreren Wochen ein Prophet war, obwohl ich noch kein Prophetengewerbe angemeldet hatte. Er forderte mich auf, unverzüglich die fällige Prophetensteuer und den Totenauferweckungszuschlag in Höhe von vierzig Silberstücken zu entrichten. So viel Geld hatte ich jedoch nicht, daher suchte ich Matthäus in seinem Büro auf und brachte auch meine Jünger mit. Beeindruckt von ihrer Schilderung meines „Wunders“ am Galiläischen Meer wurde auch er mein Jünger und tilgte meinen Eintrag aus dem Steuerregister.

Erfreut über meine erlassene Steuerschuld, ging ich zum örtlichen Weinhändler. Ich wollte etwas Wein kaufen, um mit Martha, Maria und Maria Magdalene mein Prophetendasein zu feiern. Der Händler wollte mich jedoch übers Ohr hauen und meinen Wein in alte Weinschläuche gießen. Zum Glück bemerkte ich das rechtzeitig und erklärte ihm: „Man gießt nicht neuen Wein in alte Weinschläuche; wenn man es aber tut, werden die Weinschläuche bersten, und der Wein wird verschüttet, und die Weinschläuche sind verdorben; sondern man gießt neuen Wein in neue Weinschläuche.“

Da am nächsten Tag Sabbat war und wir nicht arbeiten mussten, feierten wir bis spät in die Nacht auf einem Campingplatz in der Nähe von Jerusalem. Am nächsten Morgen gingen wir zum Teich Bethzatha, um uns dort zu waschen. Auf dem Weg dorthin sahen wir einen Mann, der in der Nähe des Eingangs gestürzt war und nun verletzt am Boden lag. Ich war noch nicht ganz nüchtern und deshalb außerstande, ihm selbst zu helfen. Daher bat ich einen Sanitäter, der am Teich saß: „Steh auf, heb dein Tragbett auf, und geh zum Eingang. Dort braucht jemand deine Hilfe.“

Auf dem Nachhauseweg bekamen wir Hunger. Wir pflückten einige Ähren am Wegesrand, aber davon wurden wir nicht satt. Nach einiger Zeit entdeckten wir ein paar Schafe in der Nähe des Weges. Es war aber nur eine kleine Herde, daher wäre es leicht aufgefallen, wenn eines fehlen würde. Einige Zeit später stießen wir jedoch auf andere Schafe. Es waren so viele, dass kein Mensch sie zählen konnte. Wir dachten nicht, dass jemand es merken würde, wenn eines fehlt.

Kurz nach dem Mittagessen wurden die Schafhirten jedoch auf uns aufmerksam. Sie hatten tatsächlich bemerkt, dass eines ihrer Schafe fehlte. Natürlich fiel der Verdacht auf uns, zumal ja auch noch Überreste des Schafes neben unserem Lagerfeuer zu finden waren. Es gelang mir jedoch, die Hirten zu beschwichtigen, indem ich ihnen sagte: „Wenn man alles in Betracht zieht: Wie viel wertvoller ist doch ein Mensch als ein Schaf!“ Während sie sich darüber stritten, was ich damit gemeint hatte, machten wir uns auf dem Staub.

Am Nachmittag beschlossen wir, den restlichen Wein aufzubrauchen, damit er nicht unterwegs schlecht wurde. Wir bestiegen einen Hügel, von dem aus man eine schöne Aussicht hatte, und tranken dort so lange, bis es Abend wurde. Da wir viel zu betrunken waren, um weiterzugehen, legten wir uns hin. Im Rausch faselte ich verrückte Sätze wie „Glücklich sind die Unglücklichen“ und irgendwas von Salz und dass man den Römern die Augen ausreißen soll. Irgendjemand hat das mitgehört und aufgeschrieben und später unter dem Namen „Bergpredigt“ veröffentlicht.

Als wir schließlich zu Hause in Kapernaum angekommen waren, sagten die Leute über mich: „Ein Mensch, der ein Fresser ist und dem Weintrinken ergeben, ein Freund von Steuereinnehmern und Sündern.“ Aber warum hätte ich mich darüber aufregen sollen? Sie hatten ja Recht! Ich entgegnete ihnen: „Lernt von mir, und ihr werdet Erquickung finden für eure Seele.“

Ich ging zum Marktplatz, um mich umzuhören, was es Neues gab. Ein Händler erzählte mir von einem Erdrutsch am Galiläischen Meer. Ein ganzer Hang war ins Meer gestürzt, und mit ihm etwa zweitausend Schweine, die dort geweidet hatten. Die meisten Juden führten dieses Ereignis jedoch auf Dämonen zurück, die angeblich von den Schweinen Besitz ergriffen hätten.

Bei dem heftigen Trubel auf dem Marktplatz wurde ich das Opfer eines Taschendiebstahls. Ich fragte meine Jünger: „Wer ist es gewesen, der mich angerührt hat?“ Aber sie sagten zu mir: „Die Volksmengen engen dich ein und umdrängen dich, und da fragst du, wer dich angerührt hat?“ Doch ich schaute mich um und rief laut: „Es hat mich jemand angerührt, denn ich habe gemerkt, dass mein Geldbeutel fehlt.“ Als die Diebin sah, dass sie nicht unbemerkt geblieben war, kam sie zitternd vor Angst zu mir und fiel mir zu Füßen. Vor allen Leuten erzählte sie die ganze Wahrheit über den Diebstahl und ihre Krankheit und dass sie kein Geld für den Arztbesuch hätte. Ich gab ihr ein wenig Geld für den Arzt und tröstete sie: „Geh hin in Frieden, geh zum Arzt und werde von deiner lästigen Krankheit geheilt.“

Einige Tage später rief mich früh am Morgen ein alter Bekannter namens Jairus zu sich, weil er dachte, seine Tochter wäre gestorben. Er konnte ja nicht wissen, dass sie bis zur zweiten Nachtwache mit mir zusammen in Zadoks Tanzbar war und einfach nur schlief.

Sofort ging ich zu Jairus und sagte zu ihm: „Das kleine Kind ist nicht gestorben, sondern schläft.“ Ich ging zu ihr und sagte: „Mädchen, ich sage dir, steh auf!“ Sofort stand sie auf, und wir frühstückten gemeinsam. Ich forderte Jairus auf, nicht weiter herumzuerzählen, dass seine Tochter tot gewesen sei.

Als ich das Haus verließ, folgten mir zwei Blinde und riefen: „Hab Erbarmen mit uns, Sohn Davids!“ Ich fragte sie: „Glaubt ihr, dass ich euch etwas geben kann?“ „Ja, Herr“, antworteten sie zuversichtlich. Daraufhin sagte ich: „Euch geschehe gemäß eurem Glauben“ und gab ich ihnen einen Silbertaler. Dann fügte ich noch zu: „Seht zu, dass niemand es erfahre“, denn ich befürchtete, dass alle anderen Bettler aus der Gegend sonst auch zu mir kämen.

Zimmerleute wurden in Israel nicht besonders gut bezahlt, aber ich hatte es durch meine Prophetenlaufbahn zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Als ich nach Hause nach Nazareth kam, sagten die Leute daher über mich: „Ist dieser nicht des Zimmermanns Sohn? Heißt seine Mutter nicht Maria und seine Brüder Jakobus und Joseph und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher hat dieser Mensch denn all dies?“ Sie dachten immer, als Prophet könnte man nicht viel verdienen.

Um mein Einkommen weiter aufzubessern, war ich auch als Unternehmensberater tätig. Ein reicher Grundbesitzer bat mich, ihm bei der Optimierung der Ernte zu helfen. Bisher hatte das Einbringen der Ernte jedes Jahr so lange gedauert, dass einiges vom Getreide vorher kaputt ging. Ich analysierte die Situation und sagte in meinem Abschlussbericht zu ihm: „Die Ernte ist groß, aber der Arbeiter sind wenige.“ Ich empfahl ihm, mehr Arbeiter in seine Ernte auszusenden.

image_thumb[3]Kurz darauf erfuhr ich, dass einige meiner Jünger gespendetes Geld und auch Sachspenden für sich behielten. Ich ermahnte sie: „Verschafft euch nicht Gold oder Silber oder Kupfer für eure Gürtelbeutel oder eine Speisetasche für unterwegs oder zwei untere Kleider oder Sandalen oder einen Stab, sondern gebt alle Einnahmen bei mir ab!“ An diesem Tag waren wir in Bethlehem, und ich erkundigte mich, wo man am Abend etwas unternehmen könnte. Als mir die Leute sagten, so etwas wie ein Nachtleben gebe es dort nicht, war ich entsetzt und sprach: „Es war im Land Sodom und Gomorra erträglicher als in dieser Stadt.“

Einige sagen, dass wir „Gegenstand des Hasses aller Leute“ gewesen wären, aber das ist übertrieben. Doch mit meinem zunehmenden Reichtum gab es schon immer mehr Personen, die uns nicht wohlgesonnen waren. Ich beschloss daher, schießen zu lernen, und wir traten einem Schützenverein bei. Meine Jünger hatten zwar Angst vor den Gewehren, aber ich beruhigte sie mit den Worten: „Werdet nicht furchtsam vor denen, die den Gegner nur verletzen, aber nicht töten können; fürchtet aber vielmehr die Gewehre, die sowohl verletzten als auch töten können.“

Bei der Schützenprüfung mussten wir auf Sperlinge schießen. Ein Käfig mit 50 Sperlingen wurde geöffnet, und jeder musste mindestens 10 von ihnen abschießen. Meine Jünger konnten sich nicht vorstellen, dass das genau überwacht wurde, und befürchteten, das Bestehen der Prüfung hänge einzig vom Wohlwollen des Prüfers ab. Ich beruhigte sie aber mit den Worten: „Kein einziger von den Sperlingen wird ohne Wissen des Prüfers zur Erde fallen. Aber sogar die Kugeln in euren Gewehren sind alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; es geht alles mit rechten Dingen zu.“

Kurze Zeit später wurden wir tatsächlich einmal nachts überfallen. Da wir bis in die frühen Morgenstunden mit reichlich Wein gefeiert hatten, konnten wir uns nicht wehren. Zum Glück hatten wir nur wenig Bargeld bei uns gehabt, aber dieses war nun weg. Was sollten wir auf dem Heimweg – immerhin zwei Tagereisen – essen? Glücklicherweise hatte am Tag vorher ein Eselrennen mit über 5 000 Anwesenden in der Nähe stattgefunden. Wir gingen dorthin und fanden nicht nur jede Menge Brocken auf dem Boden, sondern auch noch ganze Brote und Fische – mehr als genug Proviant für unsere Heimreise. Jeder von uns nahm fünf Brote und zwei Fische; wenn wir alles aufgesammelt hätten, hätten wir bestimmt zwölf Körbe vollbekommen.

Nachdem wir zu Hause angekommen waren und uns von der anstrengenden Reise ausgeruht hatten, gingen wir zum Galiläischen Meer, um uns dort zu entspannen. An dem Tag herrschte jedoch starker Wind, so dass es am Strand nicht so angenehm war, wie wir gedacht hatten. Stattdessen wettete ich mit Andreas, dass sein Fischerboot trotz Wind nicht schnell genug wäre, um mich auf zwei Brettern über Wasser zu halten. (Wie ich hörte, wurde diese Idee weiterentwickelt und wird heute „Wasserski“ genannt.)

Jedenfalls verlor ich die Wette, denn das Boot erreichte im starken Wind eine unglaubliche Geschwindigkeit, und ich konnte mehrere Minuten lang übers Wasser gleiten. Einige Leute am Strand sahen mich und erzählten später, ich sei übers Wasser gelaufen. Petrus wollte es dann auch versuchen, aber er ging nach kurzer Zeit unter, so dass wir ihn retten mussten. Ob es am abflauenden Wind oder an seinem Übergewicht lag, weiß ich nicht genau.

Eine Zeitlang versuchte ich mich auch als Lebensmittelhändler. Ich verkaufte Rindfleisch und selbstgemachten Wein, den ich wegen seiner tiefroten Farbe „Blut“ nannte. Auf meinem Geschäft hing ein großes Schild mit der Aufschrift: „Wenn jemand durstig ist, komme er zu mir und trinke. Wer nicht von meinem Fleisch isst und von meinem ‚Blut‘ trinkt, versäumt etwas!“ Leider missverstanden einige Passanten diesen Slogan, und das Geschäft lief nicht besonders gut.

Ich gab den Laden auf und zog wieder predigend durchs Land. Einmal lief eine Frau hinter uns her und rief: „Habe Erbarmen mit mir, Herr, Sohn Davids. Meine Tochter ist stark dämonisiert.“ Ich reagierte erst einmal gar nicht darauf, denn ich wusste, dass Krankheiten nicht von Dämonen verursacht werden. Schließlich baten die Jünger mich: „Schick sie weg; denn sie schreit beständig hinter uns her.“ Daher hielten wir an, und ich fragte die Frau, welches Problem ihre Tochter genau hatte. Als sie antwortete, ihre Tochter sei viel zu dünn für ihr Alter, erklärte ich ihr, sie solle aufhören, ihren Kindern das Brot zu nehmen und es stattdessen kleinen Hunden hinzuwerfen.

Einige Tage später trafen wir einen Betrunkenen, der am Abend zuvor zu lange in Elias Taverne gefeiert hatte. Er sagte zu uns: „Ich bemerke etwas, was Bäume zu sein scheinen, aber sie gehen umher.“ Wir brachten ihn nach Hause und sagten seiner Frau, sie solle ihn ins Bett bringen. Am nächsten Tag hatte er einen Rausch ausgeschlafen und konnte wieder einwandfrei sehen.

image_thumb[7]Schließlich hatte ich eine neue Geschäftsidee. Ich wollte die Gegend um den See Genezareth für den Tourismus erschließen und einen Aussichtsturm in der Wildnis bauen. Daher machte ich mich zusammen mit Petrus auf die Suche nach einem geeigneten Standort. Schließlich fanden wir einen hervorragend geeigneten Felsen. Sofort sprach ich zu Petrus: „Auf diesen Felsen will ich meinen Aussichtsturm bauen!“ Doch die Suche nach Investoren gestaltete sich schwierig. Viele erinnerten sich an den Turm in Siloam, bei dessen Einsturz kurz vorher 18 Passanten umgekommen waren.

Letztendlich setzte ich mich nieder und berechnete die Kosten, um zu sehen, ob ich genug hatte, den Turm zu vollenden. Sonst hätte ich den Grund dazu legen können, aber wäre nicht imstande gewesen, ihn zu vollenden, und alle Zuschauenden hätten angefangen, mich zu verspotten und zu sagen: „Dieser Mensch fing an zu bauen, konnte es aber nicht zu Ende bringen.“ Leider reichte das Geld hinten und vorne nicht, und wir mussten das Vorhaben aufgeben.

Kurz darauf musste ich nach Jerusalem gehen, um meinen Antrag auf Prophetensteuerjahresausgleich abzugeben. Bei der Gelegenheit wollte ich auch gleich noch einige Freunde in der Nähe besuchen, so dass ich ungefähr zehn Tage fort sein würde. Da Maria und Martha auch gerade unterwegs waren, rief ich meinen besten Freund Petrus und sagte zu ihm: „Petrus, ich will dir die Schlüssel meines Hauses geben. Kannst du dich bitte um meine Blumen kümmern?“ Leider hat er nicht richtig aufgepasst, so dass die meisten meiner Blumen kaputtgingen. Als ich zurückkam und sah, was passiert war, war ich sehr wütend und fuhr Petrus an: „Tritt hinter mich, Satan! Du bist für mich eine Ursache des Strauchelns, weil du nicht an meine Blumen gedacht hast, sondern nur an deine Fische!“

In Jerusalem hatte ich erfahren, dass einige Pharisäer und Sadduzäer meine Autorität als Prophet in Zweifel zogen. Ich überlegte, wie ich dem entgegenwirken könnte. Schließlich hatte ich eine Idee, die wir kurz darauf in die Tat umsetzten: Andreas verkleidete sich als Moses und Philippus verkleidete sich als Elia. Dann ging ich mit Petrus, Jakobus und Johannes sowie „Moses“ und „Elia“ auf einen Berg, während die übrigen Apostel in die umliegenden Dörfer gingen und die Leute baten, uns auf den Berg zu folgen. Von da an zweifelte praktisch niemand mehr an meiner Autorität.

imageEinige Tage später stritten sich meine Jünger darüber, wer von ihnen der größte sei. Um das nicht länger mit ansehen zu müssen, ging ich zum Marktplatz und kaufte ein Maßband. Jeder Jünger wurde gemessen, und wir stellten fest, dass Thomas mit 1,82 Metern der größte meiner Jünger war. Außerdem hatte ich auf dem Markt erfahren, dass ein Schafhirte in der Nähe eines von seinen hundert Schafen verloren hatte. Statt bei den neunundneunzig Schafen zu bleiben und wenigstens auf diese aufzupassen, ging er das eine verlorene Schaf suchen. Er fand es aber nicht, und als er von der Suche zurückkehrte, waren von den neunundneunzig anderen Schafen auch nur noch siebzig da.

Die nächsten Monate predigten wir überall in Judäa und Galiläa und Samaria. Dann, kurz vor dem Laubhüttenfest, zog ich mir eine Grippe zu. Daher sagte ich zu meinen Jüngern: „Ihr geht zum Fest hinauf; ich gehe noch nicht zum Fest hinauf.“ Drei Tage später fühlte ich mich besser und machte mich dann ebenfalls auf den Weg. Dabei kam ich abends durch ein samaritisches Dorf und wollte dort übernachten. Leider war kein Hotelzimmer mehr frei, so dass ich mich entschloss, die Nacht durchzuwandern. Ich sah einige Sternschnuppen, die die ungebildeten Samariter als „Feuer vom Himmel“ bezeichneten.

Beim Lauthüttenfest kauften wir ein neuartiges Fischernetz, mit dem man Fische aus den unteren Bereichen des Sees fangen konnte. Wir probierten es gleich nach unserer Rückkehr aus und machten tatsächlich einen großen Fang. An unserem Verkaufstand erklärten wir den Leuten: „Die anderen Fische sind von den oberen Bereichen; unsere Fische sind von den unteren Bereichen.“

Nachdem wir alle Fische verkauft hatten, gingen wir wieder predigen. Unterwegs trafen wir einen Mann, der uns nachfolgen wollte, aber er sehr schmutzig und stank nach Kuhstall. Daher sagten wir zu ihm: „Geh, wasche dich im Teich von Siloam, und dann folge uns nach!“ Wir sahen ihn aber nicht mehr. Das war aber nicht schlimm, denn wir waren inzwischen siebzig Personen, und es war schwer genug, so einen Haufen zusammenzuhalten. Immer wieder trat auch mal jemand auf eine Schlange oder auf einen Skorpion und musste dann ärztlich versorgt werden.

Einmal kamen wir auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho an einem Samariter vorbei, der bewusstlos am Wegesrand lag. Wahrscheinlich war er von Wegelagerern ausgeraubt und zusammengeschlagen worden. Da wir Juden waren, war es uns jedoch nicht erlaubt, ihm zu helfen. Sowieso würde über kurz oder lang auch ein Samariter vorbeikommen, und der könnte sich um seinen Landsmann kümmern. Allerdings beschlossen wir, gut auf unsere Geldbeutel aufzupassen.

Zum Glück hatte ich immer genügend Wein bei mir, so dass ich schwierige Situationen immer ertragen konnte. In den kommenden Monaten sollte ich davon noch oft genug Gebrauch machen müssen.

Kurz darauf verschlug es mich nach Bethanien, wo Maria, Martha und Lazarus wohnten. Sofort ging ich Maria in ihrem Zimmer besuchen. Als ich am nächsten Morgen herauskam, fragte mich Lazarus, was ich die ganze Nacht gemacht hatte. Ich antwortete knapp: „Maria ihrerseits hat das gute Teil erwählt“ und ging weiter. Da fiel Lazarus ein, dass er vergessen hatte, Brot zu kaufen. Er ging zu seinem Nachbarn und sagte zu ihm: „Freund, leih mir drei Brote, denn ein Freund von mir ist auf einer Reise eben zu mir gekommen, und ich habe nichts, um es ihm vorzusetzen.“ Der Nachbar hatte jedoch auch kein Brot mehr, weil er kurz zuvor im Bethanier Tagblatt ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat von mir gelesen hatte, dass man sich vor Sauerteig hüten müsse.

image_thumb[11]Daher blieb Lazarus nichts anderes übrig, als Martha aufzuwecken, damit sie uns Frühstück machte. Ich bat sie um ein Frühstücksei, doch sie hatte keine Lust, zum Hühnerstall zu gehen, und wollte mir stattdessen ein paar Rosinen anbieten. Ich erklärte ihr: „In der Tat, welcher Vater wird, wenn ihn sein Sohn um einen Fisch bittet, ihm statt eines Fisches wohl eine Schlange reichen? Oder wenn er auch um ein Ei bittet, wird er ihm eine Rosine reichen? Wenn nun böse Menschen ihren Kindern gute Gaben zu geben wissen, wie viel mehr wird ein guter Gastgeber denen ein Ei geben, die ihn bitten!“

Schließlich fragte sie mich, wie viele Eier ich zum Frühstück essen möchte, und ich antwortete ihr: „Wenige Eier sind nötig oder nur eins.“ Während wir gemeinsam frühstückten, sahen wir plötzlich, wie die Dorfpolizei den Nachbarn abführte, den Lazarus kurz vorher um Brot gefragt hatte. Man fand seine Tür verschlossen und seine Kinder mit ihm im Bett. Am nächsten Tag erfuhr ich dann aus der Zeitung, dass er wegen Kindesmissbrauch angeklagt wurde.

Später sah ich Martha und Maria beim Abwaschen zu und musste ihnen den Rat erteilen: „Ihr reinigt das Äußere des Bechers und der Schüssel, aber ihr Inneres ist voll von Essensresten! Hier sind noch Reste von der Minze und der Raute und von jedem anderen Gartengewächs! Könnt ihr nicht mit dem Schwamm, mit dem ihr das Äußere reinigt, auch das Innere reinigen?“

image_thumb[13]Am Nachmittag hielt ich eine Predigt, und eine junge Frau rief plötzlich laut aus: „Glücklich der Schoß, der dich getragen, und die Brüste, die du gesogen!“ Sofort bot ich ihr und den anderen anwesenden Frauen an, auch ihre Brüste glücklich zu machen. Meine Predigt wurde jedoch von einem arbeitslosen Möbelpacker unterbrochen, der gerade entlassen wurde und voller Wut auf seinen ehemaligen Chef war. Er tobte und schrie: „Wehe euch, ihr Fuhrunternehmer, weil ihr den Angestellten Lasten aufladet, die schwer zu tragen sind, doch ihr selbst rührt die Lasten mit keinem einzigen eurer Finger an!“ Ich versuchte, ihn zu beruhigen, und sprach zu ihm: „Glücklich sind die Arbeitslosen, denn sie werden ausschlafen können. Glücklich sind die Betrunkenen, denn sie werden wieder nüchtern werden!“ Doch es half nichts, er schrie weiter und ging schließlich seines Weges.

Am Abend ging ich noch ein wenig über den Markt. Neben Fleisch, Wein, Gewürzen und allen möglichen Produkten gab es mehrere Stände, an denen Sauerteig verkauft wurde. Ich wunderte mich, wieso auch die Pharisäer auf dem Markt Sauerteig verkauften. Ein Priester erklärte mir dann im Vertrauen, dass sie mit dem Stand das Geld aus ihren Geschäften mit den Heiden waschen würden. Ich verzichtete darauf, sie bei der römischen Obrigkeit zu verpetzen, und sagte stattdessen: „Da ist nichts sorgsam verhüllt, was nicht geoffenbart werden wird, und verborgen, was nicht bekanntwerden wird.“ Allerdings warnte ich am nächsten Tag meine Jünger: „Nehmt euch vor dem Sauerteig der Pharisäer in Acht! Kauft euren Sauerteig lieber woanders.“

Danach zogen wir wieder weiter. Wir wanderten mehrere Tage lang, wurden aber nirgendwo gastlich aufgenommen. Wie ich später erfuhr, hatten die Pharisäer erfahren, dass ich meine Jünger vor ihrem Sauerteig gewarnt hatte, und aus Rache das Gerücht in die Welt gesetzt, ich stünde mit dem Teufel im Bunde. Im Lauf der Zeit ging uns die Nahrung aus, und auch unsere Kleidung nutzte sich immer mehr ab. Schließlich fingen meine Jünger an, sich zu beklagen. Als ich ihr Jammern nicht mehr ertragen konnte, ermahnte ich sie streng: „Hört endlich auf, euch Sorgen zu machen um eure Seele, über das, was ihr essen werdet, oder um euren Leib, über das, was ihr anziehen werdet! Irgendwann wird uns schon jemand etwas geben!“ Schließlich führten uns einige Raben zu einem großen Feld voller Lilien, mit denen wir unseren Hunger ein wenig stillen konnten. Am nächsten Tag nahm uns dann auch wieder jemand auf.

Nach wenigen Tagen waren wir wieder zu Hause. Ein reicher Pharisäer hatte mich zu einer Hochzeit eingeladen, aber nur mich, nicht meine Jünger. Daher ging ich alleine hin und erklärte den Jüngern: „Eure Lenden seien umgürtet und eure Lampen brennend, und ihr selbst, wartet auf mich, damit ihr mir, wenn ich von der Hochzeit zurückkehre, sogleich öffnet. Glücklich sind jene Jünger, die ich bei meiner Ankunft wachend finde! Wahrlich, ich sage euch: Ich werde ihnen Fleisch und Kuchen und Wein von der Hochzeit mitbringen.“

image_thumb[16]Bei der Hochzeit wollte mich der Gastgeber an den hervorragendsten Platz legen, aber dort war schon jemand. Der Hausherr sagte ihm: „Lass Jeschua den Platz haben“, und der Mann ging beschämt davon, um den untersten Platz einzunehmen. Ich gab ihm den Rat: „Wenn du von jemandem zu einem Hochzeitsfest eingeladen bist, so lege dich nicht an dem hervorragendsten Platz nieder. Vielleicht mag ein Vornehmerer als du zur gleichen Zeit von ihm eingeladen worden sein.“

Nach etlichen Bechern Wein fiel mir auf, dass einige Sklaven des Bräutigams mitfeiern durften, während andere in der Finsternis draußen warten mussten. Der Hausherr erklärte mir, dass er alle treuen und verständigen Sklaven eingeladen hatte, während die bösen und trägen Sklaven zur Strafe draußen bleiben mussten. Der Hausherr erklärte mir außerdem, dass die ersten, die bei so einer Hochzeit kommen, oft die letzten sind, die gehen, und die Letzten Erste.

Ein paar Tage später, es war ein Sabbat, gingen wir in die Synagoge. Dort kam eine Frau zu mir, die glaubte, ich könne sie heilen. Da sie mir nicht verriet, an welcher Krankheit sie eigentlich litt, sagte ich einfach zu ihr: „Geh nach Hause, und sei von deiner lästigen Krankheit geheilt.“ image_thumb[18]Sogleich machte sie sich auf den Weg. Allerdings beschwerte sich der Synagogenvorsteher bei ihr: „Sechs Tage sind da, an denen man arbeiten soll, an diesen also kommt und werdet geheilt und nicht am Sabbattag.“ Doch ich entgegnete ihm: „Heuchler, bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Stier oder seinen Esel von der Krippe los und führt ihn weg, um ihn zu tränken? Steht nicht in eurem Gesetz, im zehnten Gebot, dass eine Frau genau so viel wert ist wie ein Stier oder ein Esel?“ Viele der anwesenden Männer zweifelten allerdings daran, so dass ich es vorzog, mit meinen Jüngern weiterzuziehen.

image_thumb[22]Wieder einmal hatten wir Hunger und zwar noch genügend Wein, aber nichts mehr zu essen dabei, als wir auf eine Schafherde trafen. Es wurde schon langsam dunkel, und ich erklärte meinen Jüngern, wie sie am besten ein Schaf stehlen könnten: „Diebe und Plünderer dürfen nicht durch die Tür in die Schafherde hineingehen, sondern müssen anderswo hineinsteigen. Durch die Tür geht nur der Hirte der Schafe.“

Doch bevor sie zur Tat schreiten konnten, kamen die Hirten, und es wurde uns zu gefährlich. Ich sagte: „Ich kenne noch andere Schafe, die nicht aus dieser Hürde sind; auch diese können wir stehlen.“ Nach kurzer Zeit waren wir dort und bereiteten uns ein schönes Abendessen.

Am nächsten Morgen gingen wir weiter und kamen ins nächste Dorf. Dort erwartete man uns schon und versuchte, mich zu töten. Ich rief aus: „Ich habe euch viele vortreffliche Werke sehen lassen. Für welches dieser Werke steinigt ihr mich?“ Die Leute erwiderten: „Wir steinigen dich nicht wegen eines vortrefflichen Werkes, sondern wegen Diebstahl, weil du gestern ein Schaf gestohlen hast!“ Ich erklärte ihnen: „Der Hirte ruft seine eigenen Schafe beim Namen und führt sie hinaus. Einem Fremden werden sie keineswegs folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme von Fremden nicht kennen. Wie hätte ich eines euer Schafe stehlen sollen?“ Das beruhigte die Volksmenge vorerst, und wir zogen schnell weiter.image_thumb[20]

Im nächsten Dorf kamen wir gerade rechtzeitig, um eine unrechtmäßige Hinrichtung zu verhindern. Die Dorfältesten wollten zwei Propheten zu Tode bringen, die gesagt hatten, es solle Feuer vom Himmel kommen und das Dorf vertilgen.

Ich tadelte die Verantwortlichen mit den Worten „Es geht nicht an, dass ein Prophet außerhalb Jerusalems umgebracht wird!“ Sie hörten auf mich und brachten die beiden Propheten sogleich nach Jerusalem, um sie dort hinzurichten.

Wir gingen ebenfalls mit ihnen. In Jerusalem erfuhren wir, dass ein bärtiger Prophet im Theater ein sogenanntes „Bilder-Drama der Schöpfung“ aufführen wolle. Wir machten uns auch auf den Weg zum Theater, denn mich interessierte, was der Mann zu sagen hatte. Doch auf dem Weg dorthin kamen wir kaum vorwärts wegen der Menschenmassen, die ins Theater strömten. Schließlich sagte uns einer der Beamten: „Die Bevölkerung ist groß, aber der Sitzplätze im Theater sind wenige. Viele werden hineinzukommen suchen, werden es aber nicht vermögen.“

Auch wir erhielten keinen Platz und schauten uns daher anderweitig in Jerusalem um. Wir trafen einen römischen Geschäftsmann, der in Jerusalem einen privaten Kindergarten mit Ganztagsbetreuung eröffnen wollte. Er hatte aber nicht damit gerechnet, dass es bei den Juden Brauch ist, die Kinder zu Hause zu erziehen. Entnervt gab er sein Geschäft auf und schrie: „Jerusalem, Jerusalem, wie oft wollte ich deine Kinder versammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel sammelt, ihr aber habt nicht gewollt! Seht! Euer Kindergarten wird euch verödet überlassen.“

Tags darauf waren wir bei einem Pharisäer zum Essen eingeladen. Das Essen war jedoch nicht besonders gut und nur mit viel Alkohol zu ertragen. Ich sagte daher zu ihm: „Wenn du so ein Mittag- oder ein Abendessen veranstaltest, so rufe weder deine Freunde noch deine Brüder, noch deine Verwandten, noch reiche Nachbarn herbei. Sie haben so einen Fraß nicht verdient. Sondern wenn du deine Essensreste loswerden willst, so lade Arme, Krüppel, Lahme, Blinde ein, und sie werden glücklich sein, weil sie sonst gar nichts zu essen hätten.“

Da wir in Jerusalem viele streitende Familien beobachteten, beschlossen wir, eine Familienberatungsstelle einzurichten. Wir wollten zerstrittenen Familien helfen, sich wieder auszusöhnen. Doch schon am ersten Tag kamen lauter Leute, die gar nicht mit ihren Familien zerstritten waren. Ich musste ihnen klarmachen: „Wenn jemand zu uns kommt und hasst weder seinen Vater noch seine Mutter noch seine Frau noch seine Kinder noch seine Brüder und seine Schwestern, so kann er nicht unser Kunde sein.“

Es nützte aber alles nichts; wirklich zerstrittene Familien wollten sich von uns nicht helfen lassen. Daher schlossen wir unser Geschäft wieder und versuchten weiter, unser Geld mit Heilungen zu verdienen. Wir trafen am Stadtrand eine Gruppe von zehn Aussätzigen. Ich bot ihnen an, sie gegen einen geringen Betrag zu heilen. Sie kratzten ihr letztes Geld zusammen und gaben es mir. Dann forderte ich sie auf: „Geht und zeigt euch den Priestern.“ Die zehn Aussätzigen hatten Vertrauen in meine Wunderkräfte und eilten zu den Priestern, obwohl sie noch nicht geheilt waren. Wie erwartet, wurden sie bereits am Tempeleingang abgewiesen, da ihr Aussatz weithin sichtbar war.

Wir wollten zu dieser Zeit eigentlich längst über alle Berge sein, aber Petrus war in ein langes Gespräch verwickelt und hielt uns auf. Zum Glück setzten neun der Aussätzigen ihren Weg in die andere Richtung fort, und nur einer, ein Samariter, kam zu uns zurück. Er fluchte mit lauter Stimme, und als er uns fand, beschimpfte er mich als Betrüger und Scharlatan. Petrus kam gerade rechtzeitig zurück, so dass wir von dort abhauen konnten. Während wir liefen, fragte ich meine Jünger: „Sind nicht die zehn betrogen worden? Wo sind denn die anderen neun? Lassen sich die Aussätzigen von Jerusalem wirklich so leicht hinters Licht führen?“

Im nächsten Ort trafen wir einen Priester. Ich weiß nicht, ob er von dem Vorfall mit den zehn Aussätzigen gehört hatte, aber er sagte zu mir: „Es ist tatsächlich leichter für ein Kamel, dein Jünger zu werden, als für einen Reichen und Gebildeten.“ Als er bemerkte, wie betrunken ich war, fügte er noch hinzu, ich sei der wahre Weinstock.

Als wir am nächsten Tag wieder nüchtern waren, zogen wir ins nächste Dorf weiter und predigten unterwegs. Allerdings wollte uns kaum jemand zuhören. An jenem Tag stiegen die Personen, die auf dem Hausdach waren, nicht hinab, um uns zuzuhören. Auch die Leute, die auf dem Feld waren, wollten in Ruhe weiterarbeiten.

Wir kamen also recht schnell im Nachbardorf an. Dort wurden wir schon von einer Witwe erwartet, der ich vom letzten Besuch noch etwas Geld schuldete. Sie verfolgte uns unablässig und rief immer wieder: „Sieh zu, dass du mir endlich mein Geld zurückzahlst!“ Nun, eine Zeitlang wollte ich nicht, aber danach sagte ich bei mir: „Wenn ich auch diese altersschwache Witwe nicht fürchte noch vor dem Alter Respekt habe, will ich doch auf jeden Fall, weil diese Witwe mir beständig Mühe macht, zusehen, dass sie ihr Geld bekommt, damit sie nicht weiterhin kommt und meinen Ruf in Gefahr bringt.“

Trotzdem mochten mich die Leute in diesem Dorf nicht besonders. Sie dachten, ich sei genau so ein Fanatiker wie die Pharisäer, die sie nicht leiden konnten. Daher stellte ich mich um die Mittagszeit auf den Marktplatz und betete: „O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die Pharisäer und Sadduzäer oder auch wie die Oberpriester. Ich faste nicht zweimal in der Woche und gebe auch nicht den Zehnten von jedem Gartengewächs. O Gott, sei den Pharisäern und Schriftgelehrten, den Sündern, gnädig!“ image_thumb[24]

Das brachte mir einige Sympathiepunkte unter der Bevölkerung ein. Nun kamen auch einige Leute zu uns, um Rat zu erhalten. Darunter war eine Mutter, die ganz besorgt war und sagte: „Lehrer, mein kleiner Sohn weigert sich seit kurzem, seinen Brei aufzuessen. Gestern ist er sogar erst nach Sonnenuntergang nach Hause gekommen und will nicht sagen, wo er gewesen ist. Ich bin in großer Sorge um seinetwillen! Der Kleine ist doch erst vierzig Jahre alt!“ Von Mitleid mit ihrem Sohn bewegt, entgegnete ich sofort: „Hast du nicht gelesen, dass der, welcher die Menschen schuf, sie von Anfang an so gemacht hat, dass sie groß und selbständig werden und sprach: ‚Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird sich eine Frau suchen‘, so dass er nicht mehr mit seiner Mutter, sondern mit seiner Frau zusammen sein wird?“

Die Frau ließ sich jedoch nicht beirren und sagte: „Warum schrieb denn Salomo vor, dass junge Männer nicht das Gesetz ihrer Mutter verlassen sollten?“ „Im Hinblick auf eure Herzenshärte hat Moses euch Müttern das Zugeständnis gemacht, dass ihr eure Söhne herumkommandieren könnt“, antwortete ich, „aber von Anfang an ist dies nicht der Fall gewesen.“ Als der Frau bewusst wurde, dass ich ihrem Sohn nicht befehlen würde, ihr zu gehorchen, fühlte sie sich zu der Äußerung veranlasst: „Wenn die Stellung einer Mutter zu ihrem Sohn so ist, ist es nicht ratsam Kinder zu bekommen“ und ging weg.

Kurz darauf kam ein junger Mann und fragte mich: „Guter Lehrer, was soll ich tun, um von meinen Eltern viel Besitz zu erben?“ Ich antwortete: „Warum nennst du mich gut? Ich bin nicht nur ein guter Lehrer, ich bin der beste! Wenn du indes viel erben willst, so halte stets die Gebote deiner Eltern.“ Der Mann antwortete: „Das habe ich von meiner Jugend an getan. Was fehlt mir noch?“ Als ich die eindringliche, ernstgemeinte Frage hörte und erkannte, dass der Mann bereits gut mit materiellen Dingen versorgt war, sagte ich zu ihm: „Eines fehlt dir: Geh, verkauf, was du hast, und gib das Geld mir, und du wirst ein Erbe im Himmel haben, und komm, folge mir nach.“ Doch schließlich erhob er sich, wandte sich ab und ließ mich tief betrübt zurück.

Kaum war er gegangen, kam eine Abordnung der römischen Verwaltung zu mir. Sie hatten gehört, ich würde Familien entzweien und würde Leute dazu überreden, ihr Hab und Gut zu verkaufen. Ich verteidigte mich und sagte ihnen: „Das ist eine böse Lüge der abtrünnigen Pharisäer und Schriftgelehrten, dieser Heuchler! Niemand hat Haus oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder Felder um meinetwillen und um meiner Botschaft willen verlassen!“ In der Tat hatte ich zwar gelehrt, ein guter Anbeter Gottes würde seine Familie verlassen, wenn sie seinen Glauben nicht teilt, aber ich hatte niemals jemanden aufgefordert, das zu tun.

Wir gingen dann weiter und hatten ähnliche Erlebnisse in den anderen Dörfern und Städten. Doch dann kam die Erntezeit, und die Leute waren den ganzen Tag beschäftigt. Kaum jemand war bereit, uns zuzuhören oder eine Spende zu geben, und unser Geld ging langsam zur Neige. Am späten Nachmittag, um die elfte Stunde, kam der Diener eines Weingärtners zum Marktplatz, fand uns dort und fragte: „Warum steht ihr den ganzen Tag unbeschäftigt da?“ Wir sprachen zu ihm: „Weil uns niemand zuhören will.“ Er sagte zu uns: „Geht auch ihr in den Weingarten.“

image_thumb[28]Strenggenommen war es wirklich keine schlechte Idee, im Weingarten zu arbeiten. So konnten wir wenigstens ein wenig Geld verdienen. Als es Abend wurde, sagte der Herr des Weingartens zu seinem Beauftragten: „Ruf die Arbeiter, und zahl ihnen ihren Lohn, angefangen bei den ersten bis hin zu den letzten.“ Als die kamen, die den ganzen Tag gearbeitet hatten, empfingen sie jeder einen Denar. Als nun wir an der Reihe waren, folgerten wir, dass wir genau so viel empfangen würden; doch jeder von uns erhielt nur zwei kleine Münzen von ganz geringem Wert. Als ich mich beschwerte, antwortete der Hausherr und sprach: „Freund, ich tue dir nicht unrecht. Diese anderen haben die Bürde des Tages und die sengende Hitze getragen, und daher bin ich um einen Denar mit ihnen übereingekommen. Du hast nur eine Stunde am kühlen Abend gearbeitet. Nimm, was dein ist, und geh.“

Wir waren beleidigt und gingen ins Wirtshaus. Doch die anderen Arbeiter waren auch durstig, und so hatte der Wirt nur noch einen einzigen Becher Wein. Er gab ihn mir, aber Johannes und Jakobus, die zu meiner Rechten und zu meiner Linken saßen, wollten auch etwas davon abhaben. Ich sprach zu ihnen: „Ihr wisst nicht, worum ihr bittet. Könnt ihr den Becher trinken, den ich zu trinken im Begriff bin?“ Noch bevor sie etwas antworten konnten, trank ich den Becher aus, und die Streitfrage war geklärt. Doch ich tröstete Johannes und Jakobus mit den Worten: „Ich werde keinesfalls mehr von dem Erzeugnis des Weinstocks trinken bis zu jenem Tag, an dem ich es mit euch zusammen neu trinke in einem besseren Lokal.“

image_thumb[30]Einige Tage später waren wir bei einem Finanzbeamten namens Zachäus eingeladen. Er war besorgt, weil er befürchtete, ich könnte ihn wegen seiner unehrlichen Geschäftsmethoden verurteilen. Im Lauf des Abends, als ich schon etliche Becher Wein getrunken hatte, fragte er mich: „Herr, was muss ich tun, um gerettet zu werden? Muss ich die Hälfte meiner Habe den Armen geben, und was immer ich von jemand durch falsche Anklage erpresst habe, vierfach erstatten?“ Ich beruhigte ihn mit den Worten: „Nein, wahrlich, ich sage dir heute: Gib einfach jedem von uns dreißig Silberstücke, und du wirst mit uns im Paradiese sein.“

Nun hatten wir wenigstens ein wenig Geld, so dass wir ohne Sorgen nach Jerusalem zum Passah reisen konnten. Es hatte jedoch in der Nacht einen schweren Sturm gegeben, und der ganze Weg war mit Palmzweigen bedeckt, die von den Bäumen abgebrochen waren. Daher brauchten wir etwas länger. Als wir schließlich ankamen, verspotteten uns die Pharisäer und sagten: „Siehe, Jeschua und seine zwölf Esel sind auch schon da! Nur Unmündige und Säuglinge glauben an so jemanden!“

image_thumb[32]Ich ignorierte ihre Kritik und ging zum Tempel, um dort im Basar etwas Wein zu kaufen, damit wir das Passah auch würdig feiern konnten. Ich kaufte 26 Liter, und der Händler hätte mir 47 judäische Silberstücke als Rückgeld geben müssen. Er mogelte aber zwei galiläische Silberstücke darunter, die etwas kleiner und daher weniger wert sind. Da packte mich die Wut. Unter dem Einfluss des Weines, den ich an den verschiedenen Verkaufsständen probiert hatte, machte ich aus Stricken eine Peitsche und trieb alle Händler aus dem Tempel hinaus. Ich stieß auch die Tische der Weinverkäufer um, verschüttete ihren Wein auf dem Tempelboden und schrie sie an: „Ihr habt das Haus Gottes zu einer Räuberhöhle gemacht!“

Das hätte ganz schön teuer für mich werden können, doch glücklicherweise zog genau in diesem Moment ein Gewitter auf, und es begann zu blitzen und zu donnern. „Ein Engel hat zu ihm geredet“, begannen einige zu sagen. Die abergläubischen Juden fürchteten sich, mich festzunehmen, und ich konnte den Tempel ungehindert verlassen. Wir feierten das Passah mit reichlich Wein und wachten erst am übernächsten Tag wieder auf.

Neben uns fanden wir einen Berg Weinflaschen, wahrscheinlich von unserer Feier, an die wir uns kaum noch erinnern konnten. Ich sprach zu dem Müllberg: „Werde emporgehoben und in die Mülltonne geworfen!“ Sofort eilte Petrus herbei und warf die Flaschen in die Mülltonne.

image_thumb[34]Die Priester im Tempel hatten sich auch wieder beruhigt und wollten einen Gesprächstermin mit mir vereinbaren. Ich ließ sie jedoch wissen: „Wahrlich, ich sage euch, dass die Steuereinnehmer und die Huren vor euch dran sind, denn sie haben ihre Termine schon letzte Woche vereinbart.“

Kurz darauf, immer noch in Jerusalem, traf ich einen Mann, dem ich im Jahr vorher etwas Geld geliehen hatte. Er war dann untergetaucht, und jetzt lief er mir genau in die Arme. Sofort forderte ich ihn auf, seine Schulden samt Zinsen zurückzuzahlen. Doch er sagte, er sei gerade auf dem Weg zum Steuerbüro und hätte gerade genug Geld, seine Steuern zu bezahlen. Ich packte ihn und schrie ihn an: „Zahlt Cäsars Dinge Cäsar zurück, meine Dinge aber mir!“ Verängstigt gab er mir das Geld und rannte davon.image_thumb[36]

Am selben Tag kam eine Gruppe Sadduzäer zu mir. Da sie nicht an die Auferstehung glaubten, wollten sie mir eine Falle stellen. Sie fragten mich bezüglich einer Frau, die nacheinander mit sieben Männern verheiratet war, welcher von diesen sie wohl in der Auferstehung zur Frau haben würde. Ich erkannte jedoch ihre Absichten und sagte zu ihnen: „Seid ihr nicht deshalb im Irrtum, weil ihr an überkommenen Moralvorstellungen festhaltet? Denn wenn sie von den Toten auferstehen, heiraten Männer nicht, noch werden Frauen verheiratet, sondern sie leben unverheiratet zusammen mit wem sie wollen.“

Ein Sklavenhändler war von meinen Lehren so begeistert, dass er uns ein Geschenk machen wollte. Er kam und sagte: „Lehrer, hier sind zehn Jungfrauen für euch. Fünf von ihnen sind verständig, und die anderen fünf sind töricht.“ Doch ich entgegnete ihm: „Dem einen gab Gott fünf Talente, einem anderen zwei, noch einem anderen eines. Aber dir hat er scheinbar gar keins gegeben, jedenfalls nicht zum Zählen: Wir sind dreizehn Männer, nicht zehn!“ Er entschuldigte sich und versprach, beim nächsten Mal dreizehn Jungfrauen mitzubringen.

image_thumb[38]Wir predigten nicht nur in der Stadt, sondern auch den Campern, die um Jerusalem herum zelteten. Auf einem Feld sahen wir einen Hirten, der seine Tiere voneinander trennte. Er stellte die Schafe zu seiner Rechten, die Ziegenböcke aber zu seiner Linken. Ihr hättet sein Gesicht sehen sollen, als plötzlich eine weibliche Ziege auftauchte! Er wusste nicht, auf welche Seite er sie stellen sollte, und beschloss, sie ganz aus der Herde herauszubringen. Als er zurückkehrte, hatten sich seine Schafe und Ziegenböcke bereits wieder so vermischt, dass er von vorne anfangen musste.

Auf dem Weg zurück in die Stadt war ich einen Augenblick unachtsam und stieß mich an einer Leiter, die jemand auf dem Weg hatte stehen lassen. Sofort schrie ich: „Wehe dir, blöde Leiter!“ Ein paar Meter weiter traf ich dann eine Gruppe Bauarbeiter und fuhr sie an: „Wehe euch, Bauarbeiter und Handwerker, Pfuscher, weil ihr Eimer und Kelle und Schraubenschlüssel wegräumt, aber ihr habt die sperrigeren Gegenstände auf dem Weg stehen lassen, nämlich den Wagen und den Werkzeugkasten und die Leiter! Diese Dinge hätte man zuerst wegräumen, die anderen Dinge aber danach auch beiseite tun sollen. Blinde Arbeiter, die ihr den Nagel wegräumt, die Leiter aber stehen lasst!“

Sie rechtfertigten sich und sagten: „Diese Baustelle ist wichtig für die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln und Medikamenten! Wenn wir nicht bauen, wird es Lebensmittelknappheit und Plünderungen und Seuchen in einem Stadtteil nach dem anderen geben. Die Juden werden sich gegen die Römer erheben und die Römer gegen die Juden. Wegen des zunehmenden Hungers wird die Liebe der meisten erkalten. Und dann wird das Ende kommen!“ Ich schrie sie an: „Wenn ich mich noch ein Mal an einem eurer Geräte stoße, dann wird große Drangsal für euch sein, wie es seit der Einrichtung eurer Baustelle bis jetzt keine gegeben hat, nein, noch wieder geben wird!“

Ich hatte mich noch nicht wieder beruhigt, da wollte uns jemand zu einer Reptilienausstellung einladen. Ich sagte zu ihm: „Schlangen, Otternbrut, so etwas interessiert mich nicht“ und ging weiter. Wir waren von der Tour um die Stadt recht hungrig geworden, aber rechtzeitig zum Passahfest hatten alle Restaurants ihre Preise massiv erhöht. Wir beobachteten jedoch einen Wirt, der ein irdenes Gefäß mit Wasser trug, um damit seinen Wein zu verdünnen. Ich sagte daher zu ihm: „Lass mich mit meinen Jüngern das Passah bei dir feiern, und in drei Tagen will ich die Rechnung bezahlen!“ Ich drohte ihm, ansonsten zu den Behörden zu sagen: „Reißt dieses Lokal nieder, denn es schenkt verdünnten Wein aus“.image_thumb[40]

Der Trick funktionierte, und so ließen wir es uns bei Brot, Wein und Lammbraten gutgehen. Im Verlauf des Abends eröffnete ich meinen Jüngern jedoch eine traurige Nachricht: „Ich werde zum Tode verurteilt werden. Einer von euch wird an meiner Stelle sterben müssen.“ Sofort wurden sie sehr betrübt, und einer nach dem anderen sagte: „Ich bin es doch nicht etwa?“ Judas Iskariot bekam sogar solche Angst, dass er aufstand und fortging. Daher fiel meine Wahl auf ihn.

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Wir feierten bis spät in die Nacht, und es blieb viel vom Essen übrig. Ich wies meine Jünger daher an, etwas für später mit nach Hause zu nehmen. Als sie alle voll beladen waren, sagte ich zu ihnen: „Es ist noch viel mehr übrig, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.“ Als wir aufbrechen wollten, fragten sie mich: „Wie werden wir das alles bezahlen?“ Sie wussten ja nicht, was ich vorhatte. Daher erklärte ich ihnen: „Normalerweise hätten wir jetzt Drangsal, doch fasst Mut! Ich habe den Wirt betrogen.“

Es wurde schon langsam wieder hell. Petrus hatte eigentlich versprochen, einen ganzen Tag nichts mehr zu essen. Aber schon auf unserem Weg durch die Stadt bekam er Hunger und aß etwas von dem Fleisch, das wir mitgenommen hatten. Er entschuldigte sich mit den Worten: „Der Geist ist zwar voller Eifer, aber das Fleisch ist lecker.“ Auch Jakobus konnte sich nicht länger beherrschen und trank einen Becher Wein. Als ich ihn darauf hinwies, dass er schon betrunken genug war, sagte er: „Sollte ich den Becher, den ich vom Abendessen mitgehen lassen habe, nicht unter allen Umständen trinken?“ Kurz darauf fiel er bewusstlos auf den Boden, konnte aber nach einigen Minuten wieder aufstehen.

Auf unserem Weg durch die Stadt begegnete uns ein junger Mann namens Malchus. Als er Petrus sah, erschrak er und schrie: „Nicht du schon wieder! Du hast mir schon letzte Woche das Ohr abgelabert!“ Ich ermahnte Petrus und empfahl ihm, künftig nicht mehr als eine Stunde an jeder Tür zu verbringen. Kurz darauf trafen wir dann auch Judas Iskariot wieder, und wir gingen alle zusammen Richtung Ölberg. image_thumb[46]Und dann stießen wir auch schon auf die römischen Soldaten, die mich festnehmen sollten. Sie kannten mich aber nicht genau und fragten uns daher: „Wer von euch ist Jeschua?“ Wie vorher besprochen, zeigten wir alle übereinstimmend auf Judas Iskariot, und sofort nahmen die Soldaten ihn fest. Noch bevor er etwas sagen konnte, rannten wir alle davon und überließen ihn seinem Schicksal.

Auf dem Weg zu unserer Unterkunft sagte jemand zu mir: „Du siehst aus wie Jeschua, der Galiläer.“ Ich sagte: „Ich kenne ihn nicht und verstehe auch nicht, was du sagst“ und ging weiter. Inzwischen wurde Judas zu Pilatus geführt und von diesem verhört. Zwar beteuerte er immer wieder, nicht Jeschua zu sein, aber niemand glaubte ihm. Pilatus fuhr ihn an: „Wie redest du eigentlich mit mir? Weißt du nicht, dass ich Gewalt habe, dich freizulassen, und Gewalt habe, dich an den Pfahl zu bringen?“ Judas entgegnete: „Du hättest gar keine Gewalt über mich, wenn Jeschua mich nicht für sich ausgegeben hätte!“ Es half aber nichts, er wurde an den Pfahl geschlagen und war kurz darauf tot.

Ich wies meine anderen Jünger an: „Wenn jemand nach Judas fragt, sagt, er hätte sich aus Trauer über meinen Tod außerhalb der Stadt aufgehängt“ und ging weg und versteckte mich im Bergland. image_thumb[48]Wie ich hörte, war der Wirt, bei dem wir das Passah gefeiert hatten, außer sich vor Wut. Er kam zu meinen Jüngern und schrie: „Bestimmt war dieser ein Betrüger!“ Aus Mitleid kratzten sie 30 Silberstücke zusammen und gaben sie ihm als kleine Entschädigung, auch wenn das nur ein Bruchteil dessen war, was ich ihm eigentlich geschuldet hätte.

Nach einigen Tagen sah ich von meinem Hügel aus, wie die Jünger auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus vorbeizogen. Ich ging zu ihnen hinab und begleitete sie ein Stück. Da ich etwas ungepflegt aussah, erkannten sie mich nicht gleich, sondern erst nach einigen Minuten. Sie baten mich, zum Abendessen zu bleiben, aber das war mir zu gefährlich. Ich verschwand wieder in die Berge.

Dummerweise hatte mich bei diesem Ausflug auch ein Pharisäer gesehen und erzählte das überall herum. Er erzählte setzte sogar die Behauptung in die Welt, ich sei gar nicht hingerichtet worden. Daher erfanden meine Jünger die Geschichte, ich sei wirklich tot gewesen, aber drei Tage später wieder von den Toten auferstanden. Sie verlegten Judas‘ Leichnam, der ja für meinen gehalten wurde, sogar in ein anderes Grab, um den Pharisäern dann das leere Grab als Beweis für meine Auferstehung zu zeigen.

Ich lebte danach einige Jahre zurückgezogen in den Bergen von Samaria und überließ es meinen Jüngern, zu predigen. Später, als ich davon ausgehen konnte, dass mich niemand mehr erkennt, zog ich in die Dekapolis und eröffnete ein Spirituosenfachgeschäft. Nun kann ich auf ein erfülltes Leben zurückblicken und sehe einem ruhigen Lebensabend entgegen.

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